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Gedenktafel Familie Neumann

Moritz Neumann wurde 1863 in Cankova, rund fünf Kilometer von Radkersburg entfernt, geboren. Im Sommer 1888 gründete er mit seinem Kompagnon Julius Rosenberg in Radkersburg die Firma Rosenberg & Neumann, die sich mit dem Landesproduktenhandel beschäftigte. Neumann konnte wie die meisten der anderen Immigranten auf keine finanziellen Ressourcen zurückgreifen. Er entdeckte jedoch durch den Handel mit Tierknochen, Hörnern und Häuten eine Marktlücke und schaffte es bald, sich wirtschaftlich durchzusetzen. Moritz Neumann stieg 1908 zum Militärgroßhändler auf und gelangte zu Wohlstand und Ansehen. 1911 wurde die Familie in den Heimatverband der Stadt Radkersburg aufgenommen. Neumann war wegen seiner Bescheidenheit, Güte und Hilfsbereitschaft in Radkersburg sehr beliebt. So gewährte er den bei Banken nicht mehr kreditfähigen Bauern zinsenlose und unbefristete Darlehen. Er schaffte den Aufstieg in die bürgerliche Oberschicht von Radkersburg. In der öffentlichen Meinung repräsentierte nur er das Judentum – und zwar äußerst positiv. Neumanns Sohn Ferry, der am 20. Juli 1901 in Radkersburg geboren wurde, betrieb seit Dezember 1935 eine Heidenbreinmühle, die durch einen von ihm erfundenen elektrischen Mechanismus Heidenmehl von höchster Qualität erzeugte. Er gewann in kürzester Zeit eine landesweite Monopolstellung und wurde sehr reich.

Neumann lebte in einer antisemitischen Umwelt. Die ständigen Angriffe in der Radkersburger Wochenzeitung „Grenzwacht“ auf „das Judentum“ verharmlosten antisemitische Ressentiments und machten sie allmählich zu einem fixen Bestandteil des politischen wie alltäglichen Denkens. 1938 wurde Neumann bald nach dem „Anschluss“ mit einer rücksichtslosen Gewalt konfrontiert. Da die Verbrechen an den Neumanns in aller Öffentlichkeit geschahen, wusste auch jedermann darüber Bescheid. Die neuen Machthaber trachteten Neumann zwar nicht nach dem Leben, hatten es aber vorrangig auf den Besitz abgesehen. Die Enteignung verlief öffentlich und bewegte sich durch so genannte „Gesetze“ in scheinlegalen Bahnen. Entsprechend des Gesetzes über die Bestellung kommissarischer Verwalter wurde der spätere NS-Bürgermeister Hermann Macher im Mai 1938 als „kommissarischer Verwalter und Überwachungsperson“ der Landesproduktenhandlung und der Heidenbreinmühle eingesetzt, wodurch Neumann jede Verfügungsgewalt entzogen wurde.

Ferry Neumann wurde in der „Reichskristallnacht“ vom 9. auf 10. November 1938 von Radkersburger Gendarmen verhaftet, in das Grazer Bezirksgericht überstellt, am 11. November 1938 mit dem Zug nach Dachau transportiert und war dort bis Ende Jänner 1939 inhaftiert. Während Neumanns KZ-Haft raubten örtliche Gestapo-Beamte im Zuge einer Hausdurchsuchung den Schmuck seiner Frau. Radkersburger stahlen den Hausrat und die Kleidung der Familie.

Die Landesproduktenhandlung wurde, da sie eine Konkurrenz für andere „arische“ Betriebe im Bezirk war, von „Gesetzes“ wegen mit 1. Jänner 1939 liquidiert. Im Zentrum des nationalsozialistischen Interesses stand jedoch die Heidenbreinmühle. Da man sie nicht betätigen konnte, weil Neumann den Betriebsmechanismus geheim gehalten hatte, versuchten Macher und die Grazer Vermögensverkehrsstelle Ferry Neumann aus Dachau frei zu bekommen, hatten aber erst im Jänner 1939 Erfolg. Die Mühle, deren Gesamtwert laut Schätzung 8.660 RM betrug, wurde „arisiert“ und an Anton Seidl um 1.300 RM „verkauft“. Die „Übergabe“ der Mühle durch Macher an Seidl fand am 6. Jänner 1939 statt. Obwohl andere Beweise fehlen, bleibt es trotzdem sehr fraglich, ob Seidl, ein Bauer aus Hof bei Straden, auch der Nutznießer der Heidenbreinmühle war.

Ferry Neumann kam Ende Jänner 1939 schwer erkrankt aus Dachau zurück und wurde, mit Scharlach angesteckt, unter Quarantäne gestellt. Die Vertreibung der Familie ging von der Bezirksbehörde aus. Das Ausreiseultimatum, das mit 28. Februar 1939 ablief, wurde von Landrat Dr. Alexander Guggenthall-Wittek unterschrieben. Auf Einschreiten des praktischen Arztes Dr. Kindermann erstreckte der Landrat die Frist jedoch bis zur vollständigen Genesung Neumanns. Nahezu mittellos betrat Neumann am 25. Mai 1939 in Tarvis italienischen Boden und hatte für das Erste sein Leben gerettet. Am 27. Mai 1939 traf er in Laurana mit seiner Frau Rozsa zusammen. Versuche, nach Amerika auszuwandern, schlugen fehl. Beide überstanden nach abenteuerlichen Erlebnissen in Italien den Zweiten Weltkrieg. Ihr Sohn Fritz konnte im Rahmen der Rettungsaktion für Kinder am 7. Juni 1939 mit einem Kindertransport nach Schweden ausreisen. Ferry Neumann wurde in Rom sesshaft. Trotz der Untaten und Verbrechen an seiner Familie blieb Radkersburg seine Heimatstadt.

Ferry und Rozsa Neumann in Rom, 1978. MiaZ

Berta und Moritz Neumann verblieben zwar noch in Radkersburg, waren aber vollkommen isoliert. Beide wurden am 20. April 1940 an die ungarische Grenze bei Zelting getrieben und in ihr Heimatdorf Kaltenbrunn „überstellt“. Die Immobilien gehörten offiziell zwar noch der Familie Neumann, sollten aber versteigert werden, da sie infolge des nicht vollständig bezahlten Betrages der „Judenvermögensabgabe“ und einer Steuerstrafe im Grundbuch hoch belastet waren. Eine weitere „Sicherstellung“ bezog sich auf eine „Ausfuhrabgabe“, weil die Machthaber die Vertreibung als „Ausreise“ ansahen. Die Versteigerung wurde infolge der Inkompetenz des Bezirksrichters nach zwei Anläufen im Mai 1941 eingestellt. Den Rechtstitel für die Enteignung lieferte schlussendlich die 11. Verordnung zum Reichsbürgergesetz vom 25. November 1941, nach der Juden mit der Verlegung des gewöhnlichen Aufenthalts ins Ausland die deutsche Staatsbürgerschaft verloren und ihr Vermögen dem „Reich“ verfiel. Das alte Ehepaar fiel im April 1944 dem „Sondereinsatzkommando Ungarn“ zum Opfer, wurde in Kaltenbrunn verhaftet, nach Nagykanisza verfrachtet und nach Auschwitz deportiert. Berta Neumann kam während des Transportes nach Auschwitz um oder ging dort am 21. Mai 1944 ins Gas. Moritz Neumann dürfte bereits in Nagykanizsa an den Schlägen, die ihn trafen, gestorben sein.

Literatur:

Hermann KURAHS, Verwehrte Heimat. Die jüdische Geschichte Radkersburgs vom Mittelalter bis in die Gegenwart. Forschungen zur geschichtlichen Landeskunde der Steiermark 63 (2014).

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